Wandzeitung

Die Kritiken wurden während des Festivals als Wandzeitung im brut aufgehängt. Deadline für die RedakteurInnen: jeweils 16.oo Uhr am Tag nach der Premiere! 😉

Wandzeitung Foto A.

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Peinlichkeit braucht Zeugen

Theater der Peinlichkeit. Kritik von Pia Wolkenstein

„Das Theater der Peinlichkeit findet heute nicht statt“ – verkündet der Künstler Stephan Stock am Ende der Performance, die im Rahmen des Freischwimmer Festivals momentan im brut läuft unter dem Thema intim. Aber haben wir nicht genau das gerade eben gesehen: das Theater der Peinlichkeit? Was er damit genau sagen will wird nicht klar, bleibt kryptisch wie vieles in seiner Performance. Soll die Aussage unterstreichen, dass das Experiment ein Theater der Peinlichkeit zu erschaffen generell gescheitert ist oder nur heute nicht funktioniert hat?

Mit Videoaufzeichnungen aus seiner drei monatigen Probenzeit, zu denen er in verschiedenen Kostümen und Masken tanzt – als Werwolf, Drache und Monster mit weißen Haaren – versucht Stock dem Publikum echte und ehrliche Momente der Verzweiflung und Peinlichkeit zu zeigen. Trotz diesen Geständnissen aus seinem Innenleben schafft Stephan Stock es nicht die Distanz zwischen dem Publikum zu brechen. Die Zuschauer_Innen bleiben unbeteiligt bei dem Experiment, sind bloße Zeugen einer unverständlichen Sinnsuche des Künstlers.

Peinlichkeit, definiert die Stimme von Stock aus dem Off zu Beginn der Performance, könne nur durch die Anwesenheit von anderen entstehen. Doch die Peinlichkeit wird nicht auf das Publikum übertragen, sie bleibt allein ein Gefühl von Stephan Stock. Ihm misslingt dabei auch eine Fremdscham zu erzeugen. Er spielt dieses Stück nur für sich, bringt sich in Situationen, die ihm peinlich sind, offenbart seine Gedanken und Gefühle. Er lässt dafür einen Zuschauer aus seinem Tagebuch vorlesen, erzählt, wie er sich vorstellt mit Busfahrern Sex zu haben oder wie er in seinen Tagträumen in den Gesichtsfalten von alten Damen kriecht, um dadurch einen neuen Blick auf das Universum zu bekommen.

Erst durch die erklärenden Worte am Schluss der Performance mit denen sich Stock auch etwas rechtfertigt, gewinnt er die Sympathie des Publikums: Halb nackt steht der riesige Kerl auf der Bühne – er wirkt verloren und verletzlich – seine anfängliche Scheißegal Haltung ist von ihm abgewichen und er wirkt nun ehrlich, ohne Rolle und Maske. Er erklärt, dass er sich während der Proben für drei Monate allein eingesperrt habe. Dabei habe er gemerkt, wie wichtig ihm das Urteil von Dritten sei und dass ihn diese Angst immer noch lähme.

Was noch zu sagen bleibt: Mut hatte der Künstler und wahrscheinlich war es die ehrlichste Performance des Freischwimmer Festivals – doch dies allein reicht leider nicht aus, um das wirre Konzept zu begreifen, das abwechselnd aus Livekameraaufnahmen, Chatgesprächen mit Fremden und Geständnissen über seine Vorlieben für Junkfood und Pizza mit viel Chili-Öl besteht. Ein unbefriedigendes Gefühl bleibt zurück, sowie viele grundlegende Fragen: Braucht es ein Theater der Peinlichkeit und kann Peinlichkeit überhaupt im Theater dargestellt werden?

„Das Theater der Peinlichkeit findet heute nicht statt“

Theater der Peinlichkeit. Kritik von Julia K. Parger

Ins Theater der Peinlichkeit lädt Stephan Stock im brut im Künstlerhaus Wien. Die Performance findet im Rahmen des Freischwimmer Festivals statt, das unter dem  Thema intim Stücke junger KünstlerInnen vorstellt.

Zwei Leinwände auf der Bühne, ein roter Schrankkoffer, ein Tisch samt Laptop. Auf der links angebrachten Leinwand wird ein Live-Film als Momentaufnahme von Bühne, Performer und Publikum gezeigt, während auf der anderen Videos gespielt werden, die Stephan Stock beim Versuch der Herstellung peinlicher Aktivitäten in der Probephase zeigen, vom lustigen Tanz mit Socken auf den Händen bis zum Tränenausbruch. Der Performer lädt mit Worten, häufigen Kostüm- bzw. Maskenwechsel und gewollt unbeholfenen Bewegungen sein Publikum dazu ein, mit ihm in die Sphäre der Peinlichkeit einzutreten.

Doch was ist Peinlichkeit eigentlich? Diese Frage wird auf verbaler Ebene nicht nur zu Beginn des Stückes, sondern auch währenddessen eingehend erörtert: Peinlichkeit ist Seltsamkeit, was wir vor anderen verstecken. Erst in der Öffentlichkeit werden geheime Gedanken zu peinlichen Ereignissen. Peinlichkeit schafft Verständnis und Nähe, Peinlichkeit ist schön.

Stephan Stock präsentiert uns in der Performance seinen persönlichen Begriff der Peinlichkeit: ein selbstkomponierter „Ich will doch nur geliebt werden […] sorry“-Song, Filmaufnahmen von sich selbst in den verschiedensten emotionalen Verfassungen und Auftritte in grotesken Masken, live-Chat und Gesprächsverlauf-Nacherzählungen sollen Peinlichkeit vermitteln. Abgeschlossen wird die Performance mit der Lesung eines Tagebucheintrags: „34. Brief […] in mir drin ist alles voller Waldzwerge“.

Der Performer will nicht nur Mut für mehr Peinlichkeit schaffen, er übt Gesellschaftskritik und zeigt die Widersprüche unserer Zeit, in der wir einzig hinter der Maske von Anonymität versteckt im Internet die Freiheit finden, einer anderen Person absurde Gedanken zu offenbaren. Warum? Weil wir da anonym sind, unentdeckt bleiben. Peinlichkeit ist etwas Persönliches, etwas Individuelles, etwas Intimes.

Das Theater der Peinlichkeit ist eine Liebeserklärung Stocks an die Absurdität, die dem Individuum als intimes Geheimnis innewohnt und doch jedem gemein ist. So schön es gewesen wäre, die vormals definierten Peinlichkeiten in emotionaler Direktheit vorgesetzt zu bekommen, so war die Performance doch eher enttäuschend. Stephan Stock wirkt entschlossen, die Thematik möglichst authentisch darzustellen. Genau darin liegt das Problem, denn glaubwürdige Peinlichkeit erzeugt man nicht, Peinlichkeit passiert. Wie der Künstler treffend formuliert: „Das Theater der Peinlichkeit findet heute nicht statt.“

Die Katze im Sack gekauft

Mohrle – Eine Fabel. Kritik von Saskia Ottis

Eine lange bunte Lichterkette und eine Mülltonne auf der Bühne, aber nein, man befindet sich nicht im Musical Cats, sondern in Hendrik Quasts Soloperformance Mohrle – Eine Fabel, die er im Rahmen des Freischwimmer Festivals unter dem Motto intim im brut vorstellt.

Sichtlich erschöpft und orientierungslos verlassen die ZuschauerInnen den Saal. Der begehrte Freitagabend scheint sprichwörtlich für die Katz gewesen zu sein. Zugegeben man weiß nicht, was Quast der Welt mitteilen wollte, aber ganz so streng sollte man doch nicht mit ihm sein. Man muss ihm zu Gute halten, dass er für Mohrle einen Präparationskurs besuchte und sich im Musicalgesang übte. Bei ihm ist nichts als ob, sondern er versucht den Dingen, die er seinem Publikum präsentiert, buchstäblich auf den Grund zu gehen. In diesem Fall ist es die Präparation einer toten Maus, die den Kern seiner Performance darstellt. Passend dazu erscheint Quast im Katerkostüm. Ehe man sich an dieses Bild gewöhnt hat, formt er auch schon rituell einen Kreis aus Katzenstreu um seinen Arbeitstisch und dann kann es los gehen – doch zuerst noch Fingernägel schneiden. Die Tischfläche kann per Leinwand von den ZuschauerInnen erfasst werden, damit den Mäusefans unter ihnen auch nichts verwehrt bleibt. Während Quast sich Handschuhe überstülpt und beginnt die Maus aufzuschneiden und auseinanderzunehmen, führt er Monologe von denen unklar ist, auf wen oder was sich diese beziehen. Man weiß nicht, ob er über die Maus oder sich selbst spricht und auch nicht, aus welcher Perspektive. Aus der Sicht von Quast oder aus der des Katers. Jedoch kristallisiert sich heraus, dass er die Maus nicht nur wieder zum Leben erwecken möchte, sondern aus ihr auch eine berühmte Musicalfigur, ganz nach der Cats Hauptrolle Grizabella kreieren will.  Doch eine berühmte Musicalmaus oder eine berühmte Musicalkatze? Projiziert er, sei es eben Quast oder der Kater, seine eigenen Erlebnisse in diese Maus und versucht so etwas zu verarbeiten, das ihm in seiner eigenen Karriere widerfahren ist? Man wird nicht schlau aus dem Gesagten. Zu wenig eingebetteten Inhalt liefert es, dafür umso mehr Songeinlagen und Insiderwissen zum Musical Cats. Doch wer von den ZuschauerInnen hat denn noch alle Namen parat? Es ist nicht ganz einfach zu folgen und die Anspielungen zu durchschauen. Und auch sein Gesang, über den man anfangs noch schmunzeln konnte, wird irgendwann nur noch unerträglich. Die Präparation vollzieht er allerdings gekonnt, nahezu als Nebensächlichkeit, da ist noch genug Zeit, um seinen Musicalgesang zu perfektionieren. Stimmübungen aus den besuchten Kursen werden eingespielt, die er wiederholt und dabei die Innereien der Maus frei legt. Die ZuschauerInnen müssen ein dickes Fell haben, um hier noch gelassen zu bleiben. Man will weder hinsehen noch hinhören. Als Quast schließlich mit “Memory“ einsetzt, hat die Performance einen skurrilen Höhepunkt erreicht. Da liegen die Innereien auf der Leinwand verbreitet und Quast versucht das Publikum für sich zu gewinnen. Er widmet sich wieder der Maus, ihr Fell wird eingelegt und geföhnt und ihr werden mütterliche Weisheiten eingeprägt oder auch Tipps von Fachmann des Showbusiness. Die Szenerie wirkt von Anfang an komisch und auch seine Monologe haben stellenweise wirklich Witz. Denn seine Gedanken sind so absurd, dass man oft nur auflachen kann. Da muss schon einiges schief gelaufen sein, wenn einer ausgestopften Maus das Dampfbad im Fitnessstudio und Stretchingübungen empfohlen werden. Aber man kann das Ganze leider nicht zu einem übergeordneten Sinn zusammenbringen und auch fällt es schwer einen Zusammenhang zum Festivalthema zu finden. Offensichtlich hat Quast die Intimität wortgetreu mit dem „Innersten“, den Innereien übersetzt. Doch wie er diesen Gedanken weiterspinnt, bleiben reine Vermutungen. Und auch die Verbindung zwischen dem Innersten eines Menschen oder einer Katze oder einer Maus und den Innereien wird nicht klar. Die Innereien der Maus werden durch Watte ersetzt, aber das scheint sie nicht daran zu hindern trotzdem ein Star zu werden. Oder vielleicht wird sie es auch nur deswegen. Vielleicht legt der Kater sein Innerstes in diese Maus und deren Erfolg? In einem Spiel lässt er die alten Innereien mit der neuen Watte, dem neuen Inneren sprechen. Er spricht vom Theater, das nicht mehr das ist, was es einmal war. Es wurde ersetzt. Eventuell wurde auch er ersetzt und hat sich nun zum Ziel gesetzt diese Maus groß raus zu bringen, um sein Gefühl zu kompensieren. Vielleicht steht sie auch für ihn selbst, seinen Untergang und seinen Tod als Musicalkater. Den Tod der Maus hat er sich offensichtlich noch nicht klar gemacht, vielmehr ist er davon besessen diese wiederzubeleben. Um sich selbst wiederzubeleben? Oder ging es tatsächlich um eine Liebesbeziehung? Und wie viel bringt Quast von seiner eigenen Karriere mit rein? Wie gesagt, es bleiben nur reine Vermutungen, die man aus der Performance lesen kann. Aber nun genug gerätselt, Quasts Konzept scheint noch nicht ausgereift zu sein und das Freischwimmer Festival muss sich eingestehen, dass es wohl oder übel die Katze im Sack gekauft hat.

Die Performance mit der Maus. Kalauer-Kritik statt Klärungsversuch

Mohrle – Eine Fabel. Kritik von Anne Aschenbrenner

Die Katze ist aus dem Sack: Tierpräparator ist ein langsames Gewerbe. Anderthalb Stunden dauert es eine Maus auszustopfen. Dass Henrik Quast dabei als Katze verkleidet ist, macht die Sache nicht besser. Ein regelrechter Katzenjammer ist die Performance von Henrik Quast,  die im Rahmen des Freischwimmer-Festivals im brut gezeigt wurde.

Was wie eine Kochshow beginnt, endet in einem Theater der Peinlichkeit. Wer sich die Performance von Quast anschauen will, braucht ein dickes Fell. Dabei ist die Maus, die er coram publico ausstopft gar nicht das Schlimmste, es ist vielmehr die Substanzlosigkeit: Katze stopft Maus aus und gibt währenddessen einem imaginären Gegenüber Tipps für eine mögliche Musicalkarriere mit – Überraschung! -Cats,  und plaudert aus dem Nähkästchen.

Dramaturgisch durchaus überlegt setzt Quast Textflächen in Korrelation mit den Bildflächen: während er vom Stimmtraining spricht, nimmt er die Maus auseinander, redet vom Spielen mit dem Kehlkopf im Gesangsunterricht und werkt am Mäusehals herum. Die Maus, der er buchstäblich das Fell über die Ohren gezogen hat liegt nackt auf einer Gut-Aiderbichl-Schlagzeile aus der Kronenzeitung, später dann auf einer Seite der GALA, Titel: Die Liebe und der Tod.

Der handwerkliche Vorgang des Präparierens wird auf eine Videowall hinter Quast übertragen, und das sind wirklich schön-schaurige Bilder: aus der Vogelperspektive ist der Katzenkopf zu sehen und die schwarz behandschuhten Hände, die sorgfältig, fast liebevoll die Maus ausstopfen. Poetisch eigentlich. Doch eine Katze macht noch keinen Sommer, durch die Präparation entstehen unglaubliche Längen, über die Musical-Geplänkel nicht hinwegtäuschen kann. Einzig wirklich gut das Katzenklodings: ein Schelm wer da nicht an Helge Schneider denkt, der aber kommt gar nicht vor. Stattdessen: Musical. Oder vielmehr Grusical, wie böse Katzenzungen behaupten.

Mehr Katzenpower – oder doch einfach mal die Katzenklappe halten?

Möglichkeiten hätte es einige gegeben die Performance zu retten, sowohl zu kürzen als auch den Katzencontent griffiger zu machen: nicht nur einmal in der Literaturgeschichte wird über Erzählungen von Mäusen und Katzen Systemkritik ausgeübt, man denke nur an die Graphic Novel Spiegelmans „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ , wo Faschismus auf eine metaphorischen Ebene transportiert und sichtbar gemacht wird. Warum vermausgabt sich der Quast da nicht mehr?  Zu mehr als einer fabelhaften Anspielung im Untertitel reicht es nicht. Die Fabel selber….richtig, kommt nicht vor.

Mit Föhn und Katzbürste errichtet Quast ein Mausoleoum bis das Publikum weiße Mäuse sieht.

Die Performance ist in Teilen amüsant, bis die Maus jedoch endlich ausgestopft ist,  stirbt man tausend Tode.

Unter jeder Maus. Oder anders gesagt: Katzastrophal.

Mausetot

Mohrle – Eine Fabel. Kritik von Julia Sprenger

Hendrik Quast evoziert im brut bei seiner Performance Mohrle – Eine Fabel  nicht nur Assoziationen zum Musical Cats, sondern generiert auch jede Menge Ekel und Neugier. Eine tote Maus erwacht in Form einer Live-Präparation zu neuem Leben, wird unsterblich.

Ein Katzenkostüm, Lichterketten und eine Mülltonne. Wer denkt bei diesem Setting nicht automatisch an Cats? Das Publikum ist zu Gast bei Mohrle, einem Musical-Kater, der im Laufe der Performance seiner großen Liebe, einer toten weißen Maus, neues Leben einhaucht. Dies geschieht nicht nur durch den Vorgang der Präparation an sich, sondern auch durch die sprachliche Zuwendung zur Maus. Zwischen Gesangsübungen, Musicalsongs und Fachsimpelei über die Arbeit im Showbusiness entsteht artifizielles Leben. Der Performer ist hoch konzentriert, mal auf das Handwerk des Präparators, mal auf die Mimesis der aus dem Off kommenden Gesangsübungen. Auf der Bühne wird hart gearbeitet, detailverliebt und präzise. Per Live-Videoübertragung ist man dem Präparationsgeschehen ganz nahe, erkennt Details und ist immer wieder von enormen Gefühlen des Ekels geplagt. Die Kamera ist stets auf die tote Maus gerichtet, die Close-Ups drängen sich dem Publikum unweigerlich auf.

Das Knacken der Gliedmaßen oder das Trennen von Kadaver und Fell lässt eine einen Schauer aufsteigen. Der Umgang mit dem toten Tier auf der Bühne ist teils fragwürdig, aber erschreckend unterhaltsam. Die Maus wird herumgewirbelt, wird zum Spielball des Protagonisten. Verschroben wirkende Gesangsübungen und an die Maus gerichtete Monologe des Katers verschieben Bild und Text auf die Ebene der Skurrilität.

Zudem gelingt es dem Performer immer wieder starke Bilder zu erzeugen: mit einem Fön im Leopardenlook wird der leeren Hülle der Maus Leben eingehaucht, indem er sie aufbläst wie einen Ballon. Den Höhepunkt des Makabren bildet ein Duett von Kadaver – welcher wieder aus dem Müll gefischt wurde – und einem Watteknäuel. Vergangenheit und Zukunft der Maus treffen in einem Haufen Katzenstreu aufeinander. Trotz all des Schauers überwiegen die lustigen Momente. Es wird laut gelacht, vielleicht auch als körpereigene Strategie diese Ambivalenz des Bühnengeschehens zu verarbeiten.

Bis zum Ende kann man sich nie ganz sicher sein, welche Figur gerade vor einem sitzt. Ist es eine Psycho-Diva, welche ein kurioses Hobby verfolgt, oder tatsächlich ein Kater, der mit seiner Beute spielt. Gerade durch diese Spannung entsteht ein Gefühl der Unsicherheit und Angst. Mohrle drängt sich auf, wirkt unberechenbar und bedrohlich. Das skurrile Schlussarrangement bildet zunächst die frisch präparierte Maus samt kleinem Mikrofon, doch schnell wird aus dem Kühlschrank noch der Rest des Mäusechors hervorgeholt und drapiert. Das letzte Bild wird untermalt von Whitney Houstons Song “How will I know“ wodurch auch dieser Diva eine zwar eigenwillige, aber dennoch letzte Ehre zu Teil wird.

Die Performance legt den sehnlichen Wunsch der Menschheit, unsterblich zu sein, offen und stellt ihn gleichzeitig auf parodistische Art und Weise in Frage. Quast polarisiert, jedoch gelingt es ihm starke Gefühle zu evozieren und lässt einen komplett aus dem Alltag gleiten. Morbid und makaber aber niemals langweilig und unterhaltsam.

Nichts für schwache Mägen

Mohrle – Eine Fabel. Kritik von Vika Walter

Der vorletzte Abend des Freischwimmer Festivals in Wien wurde von Hendrik Quasts Präparations-Performance Mohrle – eine Fabel abgeschlossen, in der sich ein anthropomorpher Kater seinen ganz eigenen Cats-Cast zusammenstellt.

In einer schwer zu begreifenden Situation findet man sich im brut im Künstlerhaus wieder. Mit den Techniken der Präparation, die sich Quast für diese Performance angeeignet hat, entstellt er als Kater Mohrle verkleidet  zunächst eine tote Maus, um ihr dann mit Hilfe von Drähten und Watte neues Leben einzuhauchen. Als wäre es nicht genug, die Präparation samt Entnahme der Eingeweide und sichtbarem Blut aus sicherer Distanz beobachten zu können, wird die gesamte Prozedur auf eine Leinwand im Hintergrund der Bühne vergrößert.

Man sieht ganz deutlich, wie die Maus zu einer rötlichen, blutigen Masse wird, von dem das ehemals weiße Fell nun auf links gedreht herunterhängt. Es ist eine Konfrontation des Zuschauers mit dem einst Lebenden und der Macht, die man auf  kleinere, schwächere Lebewesen ausüben kann. Mohrle geht mit der toten Maus zunächst behutsam um, doch als es darum geht das abgelöste Fell zu waschen und zu trocknen, verliert er jegliche Vorsicht. Am Schwanz der Maus dreht er das Fell unbedacht durch die Lösung, zieht es immer wieder heraus und beim Trocknen föhnt er mit Absicht so, dass sich das Fell immer wieder aufbläst und in sich zusammen fällt. Dem Zuschauer bleibt angesichts dieses fragwürdigen Umgangs mit dem einstigen Lebewesen das Lachen im Halse stecken. Man findet es zunächst  witzig, doch steht man gleichzeitig auf der realen Ebene Quasts respektlosem Verhalten der toten Maus gegenüber und auf der fiktiven Ebene Mohrles grausamem Charakter.

Ernsthaft makaber wird die Präparation, als man erkennt, dass Mohrle psychopatisch ist. In den technischen emotionslosen Abläufen des Ausstopfens nimmt er sich der toten Maus an, wie ein liebevoller Musicalregisseur und Gesangstrainer. Sein Schützling wird für einen späteren Auftritt als Grizabella aus dem Musical „Cats“ vorbereitet. Dabei erklärt Mohrle ihr nicht nur auf eine gespenstisch ruhige Art, wie man am besten bestimmte Töne singt, sondern demonstriert es auch gleich in witzigen, mimisch überzogenen Stimmübungen und Gesangsdarbietungen bekannter Hits aus „Cats“. Das wohl populärste Lied aus dem Musical – „Mondlicht“ – wird so beim Geschäft verrichten auf dem improvisierten Katzenklo in tiefer Inbrunst und Leidenschaft geschmettert, während die neue Grizabella auf dem Präparationstisch trocknet. Eine absurde Situation, in der man sich wieder findet und die eine willkommene Ablenkung vom eigentlichen blutigen Unternehmen des Katers darstellt.

Dennoch hinterlässt die Performance einen bitteren Nachgeschmack. Zum einen, weil der Zuschauer konstant hin und her gerissen ist zwischen Lachen und Übelkeit angesichts der Präparation, dem grausamen psychopatischen Katers und seinen mimisch großartig überzogenen Gesangeinlagen. Zum anderen, weil die Performance leider von technischen Fehlern übersät ist. Das Mikrofon knistert häufig, der Künstler liest seine Texte ab und verhaspelt sich dann trotzdem. Die daraus resultierende Unsicherheit hat Einfluss auf die komplette Aufführung. Längen können nicht mehr gut überspielt werden, Versprecher werden deutlicher und die Körpersprache wird zurückhaltender. Die mit Souveränität gestartete Performance endet leider mit Zweifeln und Scham.

Ach, könnt man doch nur Hokuspokus sagen

Mohrle – Eine Fabel. Kritik von Benedikt Ricken

Eine bunte Lichterkette hängt quer durch den Raum, ein Mann im Katzenkostüm hockt auf einer Mülltonne. Und dann erklingt auch noch “Memory“. Doch das ist hier keineswegs der Musical-Welterfolg Cats – vielmehr ist es die Performance Mohrle – Eine Fabel, mit der Hendrik Quast den Schlusspunkt unter das diesjährige Freischwimmer Festival setzt, das acht Produktionen unter dem Leitmotiv intim im November in die Spielstätten des brut brachte.

Die Parallelen zum Musical sind bewusst gewählt, schafft Quast doch quasi eine Geschichte drum herum. Nämlich jene vom Kater Mohrle, der im dauernden Selbstgespräch versunken oder doch monologisch auf seinen ‘Bühnenpartner’, eine tote Maus, einredend,  oft Ratschläge gebend davon erzählt, wie man selbst zur Cats-Figur Grizabella wird. Schon nach wenigen Minuten ahnt man, wie der Abend endet: Die Maus wird Musical-Star. Lieber aber – so hat man den Eindruck – würde Mohrle selber an dessen Stelle treten. Mohrle geht ganz in Cats auf: Mohrle schildert die Geschichte des Musicals, Mohrle singt die bekannten Lieder, Mohrle spielt Dialoge nach, Mohrle philosophiert über die unterschiedlichen Inszenierungen.

So ganz nebenbei nimmt Mohrle die tote Maus aus, um sie anschließend in gewünschter Form zu präparieren. In dieser Live-Präparation liegt sicherlich das Besondere der Performance. Der Zuschauer ist mittels Kamera bei allen einzelnen Schritten in Großaufnahme dabei. Dies garantiert zwar einen guten Blick aufs Geschehen, aber es fehlt an Überraschungen. Mit zunehmender Dauer der Performance wird die kleinteilige und zeitintensive Präparation zum Bilderallerlei in Dauerschleife. Die gezeigten Bilder sind nicht drastisch, nicht provokant, selten interessant. Man möchte Mohrle zustimmen, wenn der mit einem ‘Hokuspokus‘ die Präparation schneller vorantreiben, beenden möchte. Es ist ein Geduldsspiel, für Mohrle ebenso wie für das Publikum.

Ein Geduldsspiel, das auch Raum und Zeit für Fragen lässt. Etwa eben jene nach der Figur Mohrle.

Sie ist nie ganz Figur. Der Mensch der hinter der hochgesteckten Katzen-Maske bleibt stets erkennbar. Ob es sich um den Performer Hendrik Quast selbst oder um eine nicht weiter definierte dritte Figur handelt, bleibt dabei offen. Von Beginn an fehlt der Performance so eine Eindeutigkeit, die ein besseres Verständnis fördern würde. Textunsicherheit und gestische Ausbrüche, aber auch einzelne Mittel der Inszenierung verstärken den Eindruck, zwischen Figuren und/oder Performer zu verharren: wenn Mitschnitte aus Quasts Proben mit einer Gesangslehrerin eingespielt werden und zugleich die Figur auf der Bühne mit einsteigt, vermischen die Ebenen ganz offensichtlich.

Darin, in diesen Brüchen hätte eine Chance der Performance liegen können: in den resultierenden Rissen, die das Innere freigeben, der Handlung einen tieferen Sinn, Gedanken oder intime Momente erkennen lassen. Dies geschieht jedoch nicht – als Zuschauer findet man schlicht keinen Zugang, weder zu Mohrle, noch zu Henrik Quast. Man bleibt irgendwo auf der Oberfläche dazwischen, unberührt, ja fragend zurück, obwohl man doch so gerne das Innere sehen würde.

Sie schickt Valerie vor

Freak. Kritik von Benedikt Ricken
FREAK, eine Soloperformance der Wiener Künstlerin Stefanie Sourial, eröffnete die zweite Woche des Freischwimmer Festivals unter dem Titel intim, welches aktuell im brut zu sehen ist.

Erzählt – und das ist wörtlich zu nehmen – wird in FREAK die Lebensgeschichte der Protagonistin Valerie X. Zumindest ein Teil davon. Valerie schildert nach einem Wutausbruch und einer Mordattacke in einem Therapie-Gespräch, wie es dazu kam. Man erfährt von ihrer Kindheit und ihrer Schulzeit. Und bleibt irgendwo dazwischen im Klischee hängen: bei der Idylle der spielenden Kinder, zwischen grüner Wiese und blauem Himmel, beim Traum Popstar zu werden, aber eben auch beim Generationenbruch zwischen reaktionärem Opa und den die Freiheit liebenden Eltern, Internatszeit mit perfid-strenger Ballettlehrerin, hänselnden Mitschülern und auswendig zu lernenden Essens- und Benimmregeln. Das ist stellenweise wirklich lustig und unterhaltsam, kommt hier und da bekannt vor, weckt Assoziationen, greift eben Klischees auf. Aber es ist auch: Gut und Böse. Weiß und Schwarz. Kein Grau.

Die Protagonistin Valerie X erzählt ihre Geschichte voller Gestik und Mimik; mit Elementen von Tanz, Pantomime und Slapstick blitzt immer wieder die fundierte Ausbildung von Stefanie Sourial als Performerin hinter der Rolle durch. Perfekt untermauert wird alles von der Musikauswahl: mal epochal kraftstrotzend, mal melancholisch. Hier ist das eigentliche Therapie-Gespräch längst keines mehr, es driftet ab in Filmwelten, in Opern und Märchen – wohl in Valeries Träume. Träume, aber auch Traumata, die Valerie mit den Zuschauern teilt. Sie finden sich nämlich in der Position des Therapeuten wieder. Allerdings nur räumlich, die Rolle übernehmen sie nicht. Sie sind stumm, können keine Fragen stellen. Die Fragen stellt eine Stimme aus dem Off, anfangs zumindest, dann übernimmt Sourial auch diese Rolle, oder ist es gar Valerie selbst, die die Fragen vorwegnimmt?

Freak Foto: Sourial

Freak Foto: Sourial

So bleibt eine Distanz bestehen zwischen Publikum und Valerie. Eine Distanz, die schon der Performance-Titel vorweg nimmt. Ein Freak ist nach Duden eine “Person, die sich nicht ins normale bürgerliche Leben einfügt, die ihre gesellschaftlichen Bindungen aufgegeben hat, um frei zu sein.“ Doch wo war hier der Freak? Valerie X hat die Gesellschaft aufgegeben, aber nicht freiwillig. Sie hat Ekel, Ekel vor anderen Menschen. Jetzt ist sie frei (zumindest vom Ekel), weil die Gesellschaft sie aufgegeben hat. Das alles erzählt sie, sieht man, denkt man – wirklich greifbar, erfahrbar, nachvollziehbar ist das nicht. Man spürt den Ekel nicht. Wo bleiben die im Programmheft angekündigten ”würgereizenden Ausführungen“?

Es bleibt bei der Distanz. Es bleibt bei Valerie: es ist ihr Ekel, ihr Gefühl, ihr Intimes. Etwas, in dass sie den Zuschauer einen Einblick, nein, eigentlich nur mehr einen Blick darauf gewährt. Genauso wie Stefanie Sourial selbst: sie offenbart keinen Ekel, nichts Intimes. Sie gibt keinen Einblick, nur einen Blick darauf. Sie schickt Valerie vor.

Almost SoReal

Freak. Kritik von Lisbeth Bitto
Es ist kurz nach sieben als sich die Tür zum Theaterraum im brut Keller des Konzerthauses öffnet. Sofort drängen die Besucher, die sich hier im Rahmen des Freischwimmer Festivals versammelt haben, in den kleinen Raum um Stefanie Sourials neuer Performance FREAK beizuwohnen. Das Gemenge der Leute lenkt die Aufmerksamkeit von der Bühne. Auf dieser sitzt die Performerin bereits in bezeichnender Pose im kalten Scheinwerferlicht auf einer schwarzen Box. Ihr Kopf hängt ihr Gesicht blickt zu Boden die Arme hinter dem Rücken verschränkt die Füße überkreuzt mimt sie eine gefangene Person. Langsam beruhigt sich der überfüllte Zuschauerraum das Ganglicht erlischt und Valerie IX erwacht.
Mit dem Knarren eines schweren Eisentors löst sich die Performerin aus ihrer Haltung und bewegt sich unterstützt von Geräuschen und Musik durch den Raum. Dabei simuliert sie die fotographische Dokumentation und Aufnahme ihrer Person im Gefängnis. Schnell ist die Illusion erschaffen und die Szenerie klar vor Augen.

Valerie IX, so der Name Sourials fiktiver Figur, befindet sich in Untersuchungshaft wo sie ein Gespräch mit der Gerichtspsychologin führt. Dabei nimmt zu Beginn eine Stimme aus dem Off die Rolle ihres Gegenübers ein und erklärt die Motivation des Verhörs. Es handelt sich um einen Mord. Wie dieser zustande kam und wer sich hinter Valerie IX verbirgt zeigt sich in den folgenden 60 Minuten in Form einer Sprach-Theater-Tanz-Performance. Dabei unterstützt Musik, Licht, Mimik und Gestik Valeries fiktive Welt die sie vor den Augen der Zuschauer auf der schwarzen leeren Bühne entstehen lässt.

Freak Foto: Sourial

Freak Foto: Sourial

Ein Mädchen aus behütetem Hause aufgewachsen auf dem Land mit einer schrecklichen Schulzeit im Internat. Eine ganz normale Kindheit so beschreibt Valerie ihre Erziehung. Woher kommt also ihr aggressives Verhalten und der Ekel vor lauten Geräuschen der schlussendlich zum Mord führte? In einem nicht enden wollenden Monolog erzählt die Frau von ihren frühen Kindertagen, einer unbeschwerten Zeit mit ihren Freunden und den traumatischen Erlebnissen in der elitären Erziehungsanstalt. Aufgepeppt mit Ausschweifungen und Beschreibungen zu ihren Eltern und Großeltern, Lehrer und Schulkameraden eröffnet Valerie IX ein Leben das sich Schritt für Schritt vom Traum in einen Alptraum verwandelt. Dabei offenbart sie geheime Träume Wünsche Sehnsüchte Ängste und Zweifel welche sich schlussendlich als Ekel vor lauten repetitiven Geräuschen manifestieren und im Mord gipfeln. Mit dem Geständnis der genüsslichen Genugtuung ihren Zorn und Ärger im Mord ausdrücken zu können endet die Berichterstattung Valeries die sich nun vollkommen ihrer Phantasie hingibt und in einem wilden Tanz als Superheldin alle lärmenden Menschen ermordet.

Schlussendlich findet sich Sourial in der Anfangsposition vom Beginn der Performance wieder. Ihre Arme hinter dem Rücken verschränkt sitzt sie auf der schwarzen Box im kalten Scheinwerferlicht. Nur eine Kleinigkeit hat sich am Bild geändert. Mit einem unheimlichen Lächeln blickt Valerie in das grelle Licht, immer noch in Gedanken als Superheldin auf der Jagd nach den lauten Geräuschen lässt sie das Publikum mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gehen. Und man fragt sich, hat die dargebotene Erzählung wirklich stattgefunden oder befindet sich Valerie bereits in einer Fantasiewelt an einem abgeschirmten Ort?

Die Performance FREAK lebt vom narrativen Ausdruck Sourials und ihrem Sprachwitz den sie mit übertriebener Mimik verstärkt. Für ihre kurze Tanzeinlage zu Michael Jackson erntet sie vom Publikum Zwischenapplaus.

Freak wirkt perfekt geplant: das Setting minimalistisch, das Konzept wohl durchdacht, Sourial entschlossen und sicher in ihrer Performance als Valerie IX. Ein Rahmen der eine intime Erfahrung, eine Öffnung hin zum Publikum möglich machen würde, aber in seiner Tiefe nicht zulässt. Bereits nach den ersten zehn Minuten sind die restlichen fünfzig vorhersehbar. Nach einem tollen Start bietet die Performance nur wenig Abwechslung und verliert sich in gekünstelter Gestikulation, die irgendwann Kopfschmerzen bereitet. Schade, denn Valerie IX verführt anfänglich mit ihrem Tick und ihrer ängstlichen Verstörtheit.